Kurz erklärt: Gebel el-Silsila im Gouvernement Assuan ist ein Gebirgszug mit Sandsteinbrüchen auf beiden Seiten des Nils. Mehr als hundert Brüche lieferten vom Mittleren Reich bis ins 20. Jahrhundert die Blöcke für viele berühmte Tempel Ägyptens. Dazu kommen der Speos des Horemheb, 32 Felskapellen hoher Beamter, Stelen für den Nilgott Hapi und ein Gräberfeld mit 78 Gräbern des Neuen Reiches.
Was ist Gebel el-Silsila?
Gebel el-Silsila ist ein Gebirgszug im Gouvernement Assuan, an dem der Nil sich verengt und auf beiden Ufern Sandstein ansteht. Dieser Sandstein ist weicher als der Granit von Assuan und ließ sich deshalb in großen Blöcken aus der Wand lösen. Die Steinbrüche des Berges wurden vom Mittleren Reich (etwa 2034 bis 1650 v. Chr.) bis ins 20. Jahrhundert genutzt. Mehr als hundert Brüche wurden ausgebeutet, um die Sandsteinblöcke für viele der berühmten Tempel Ägyptens zu gewinnen.
Wer den Ort besucht, sieht deshalb keinen einzelnen Tempel, sondern eine Landschaft aus herausgeschnittenen Wänden, Gängen und Kammern. Die Brüche haben Werkzeugspuren und Inschriften der Arbeiter bewahrt, die heute noch sichtbar sind. Dazu gehören Heiligtümer, Stelen und Graffiti auf beiden Seiten des Flusses, die von der Vorgeschichte bis in die Zeit nach der römischen Herrschaft reichen.
Warum wurde der Sandstein hier gebrochen?
Im alten Ägypten war der Nil der wichtigste Verkehrsweg. Schwere Steine wurden auf Schiffen aus den Steinbrüchen im Süden zu den Gräbern, Tempeln und anderen Bauwerken im Norden gebracht. Für Assuan sind zwei Brüche besonders wichtig: Der Granit kam aus Assuan selbst, der Sandstein aus Gebel el-Silsila. Beide Orte liegen unmittelbar am Fluss, sodass die Blöcke auf dem Wasserweg weiterreisen konnten.
Der Transport war nicht immer erfolgreich. Manche Schiffe mit schwerer Last sanken im Nil, und einzelne Steine fielen beim Verladen ins Wasser und liegen bis heute am Grund. Eine der wichtigsten Anlegestellen für die schweren Steine war vermutlich die El-Ahly-Anlegestelle auf Elephantine bei Assuan, ein kleinerer Kai wurde bei El-Naga el-Bahari gefunden. Mehr zur Insel steht auf der Seite zu Assuan.
Was ist der Speos des Horemheb?
Unter Horemheb (etwa 1323 bis 1295 v. Chr.), dem letzten König der 18. Dynastie, entstanden am Westufer von Gebel el-Silsila zwei Tempel. Nur einer ist erhalten, der Speos des Horemheb. Ein Speos ist ein Felstempel; dieser wurde in eine Höhle gebaut, die wahrscheinlich ein alter Steinbruchgang war. Fünf Öffnungen in der Felswand sind durch Pfeiler getrennt. Die mittlere diente als Eingang, um sie herum sind die Königsnamen des Horemheb eingemeißelt.
Der Eingang führt in einen Saal, an den sich das Heiligtum anschließt. Dort sitzen in Felsnischen die Statuen von sieben Gottheiten: Sobek, der Krokodilgott und Ortsgott von Gebel el-Silsila, die Schutzgöttin Taweret, König Horemheb selbst, der ibisköpfige Thot und in der Mitte die thebanische Triade aus Amun-Re, seiner Frau Mut und ihrem Sohn Chons. Die Götterwelt wird auf der Seite zu den ägyptischen Göttern erklärt.
Welche Szenen zeigt der Speos?
An der Westwand säugt Taweret den König Horemheb. In der Nähe zeigt eine weitere Szene auf derselben Wand den Triumphzug des Horemheb nach seinem Sieg in Nubien. Die Wand verbindet also göttliche Fürsorge mit königlichem Erfolg.
Ramessidische Könige und hohe Beamte fügten später Szenen, Stelen und Inschriften hinzu, um ihren Besuch an dieser heiligen Stätte zu verewigen. Das zeigt, dass der Ort im gesamten Neuen Reich mehr war als ein Steinbruch. Spätere Nutzung belegen in die Wände geritzte Kreuze: Der Tempel diente zeitweise als christlicher Andachtsort.
Wer wurde hier verehrt?
Am Berg wurden viele Gottheiten des Nils verehrt, darunter Hapi, der Gott der Nilflut, die Nilpferdgöttin Taweret, der widderköpfige Chnum und der Ortsgott Sobek. Auch Isis, Horus, Min und die thebanische Triade mit Amun, Mut und Chons spielten eine wichtige Rolle. Die Mischung passt zur Lage: An der engsten Stelle des Flusses, wo Wasser und Fels aufeinandertreffen, sprach man die Götter an, von denen Flut, Fruchtbarkeit und Schutz abhingen.
Was sind die Nilstelen?
Viele Könige der 19. Dynastie schnitten Stelen in die Felswand von Gebel el-Silsila. An dieser schmalen Stelle des Nils war das Anschwellen des Flusses während der Überschwemmung am deutlichsten zu erkennen. Der Ort galt daher als heilig. Die sogenannten Nilstelen halten Opfer fest, die dem Hapi gebracht wurden, dem Gott der jährlichen Nilflut.
Begonnen hat diese Tradition Sethos I. (etwa 1294 bis 1279 v. Chr.). Sein Sohn Ramses II. (etwa 1279 bis 1213 v. Chr.) setzte sie fort, ihm folgte sein Sohn Merenptah (etwa 1213 bis 1203 v. Chr.). Später fügte noch Ramses III. (etwa 1184 bis 1153 v. Chr.) eine eigene Stele hinzu. In den Texten bitten die Könige Hapi um eine gute und sichere Flut für Ägypten, die reichlich Fische und Vögel bringt. Die Landwirtschaft war nur durch den fruchtbaren Schlamm der Flut möglich. Die Könige erkennen an, dass die Überschwemmung, angesprochen als Gott Hapi, den Ägyptern das Leben bringt. Mehr zum Fluss selbst steht auf der Seite zum Nil.
Welche Königsstelen gibt es?
Drei königliche Stelen stehen auf einem hohen Felsen, der nach Osten zum Nil blickt. Die nördlichste stammt von Ramses V. (etwa 1147 bis 1143 v. Chr.). Sie zeigt den König, der dem Gott Amun-Re, seiner Frau Mut, ihrem Sohn Chons und dem Krokodilgott Sobek seinen Thronnamen darbringt. Die Inschrift darunter nennt die wichtigsten Werke des Königs, gerahmt von seinen zahlreichen Titeln.
Die zweite Stele wurde von Scheschonq I. (etwa 945 bis 924 v. Chr.) gestiftet. Mut führt den König zu Amun-Re, Re-Harachte und Ptah. Darunter besagt die Hieroglypheninschrift, dass der König diesen Teil der Steinbrüche von Gebel el-Silsila geöffnet hat. Am Fuß der Stele kniet der Bauleiter des Tempels Scheschonqs I. in Theben. Die dritte Stele stammt von Ramses III. Sie zeigt den König, der der thebanischen Triade aus Amun-Re, Mut und Chons eine Figur der Maat darbringt, der Göttin der Ordnung und Gerechtigkeit. Lesehilfe zur Schrift bietet die Seite zu den Hieroglyphen.
Was liegt außerdem am Westufer?
Südlich des Speos liegen 32 Felskapellen, die in die Felswand über dem Nil geschlagen wurden. Sie wurden für hohe Beamte des Neuen Reiches angelegt, überwiegend Zeitgenossen von Hatschepsut und Thutmosis III. (etwa 1479 bis 1425 v. Chr.). Weiter südlich folgen die in den Fels geschnittenen, vorhallenartigen Bauten von Sethos I., Ramses II. und Merenptah sowie die große Stele Ramses‘ III.
Die Denkmäler reichen damit von den Beamten der Zeit Hatschepsuts über Horemheb bis zu Sethos I., Ramses II., Merenptah und Ramses III. Wer die Namen der Herrscher einordnen möchte, findet eine Übersicht auf der Seite zu den Pharaonen.
Was fand die Grabung von 2015?
2015 begann auf der Ostseite von Gebel el-Silsila eine gemeinsame Grabung des Obersten Rates für Altertümer und der Universität Lund in Schweden. Sie legte eine Gruppe von 78 Gräbern aus dem Neuen Reich (etwa 1550 bis 1069 v. Chr.) frei, in denen Männer, Frauen und Kinder bestattet waren. Aus Geschlecht und Alter der Toten schließen die Forscher, dass hier eine Siedlung bestand und nicht nur ein vorübergehendes Lager für Steinbrucharbeiter, wie man früher annahm.
Die Gräber sind einfach: schmucklose, in den Fels geschlagene Kammern. In ihnen lagen Gefäße, Bierkrüge, Fayenceperlen und Skarabäen, Armreifen aus Bronze und Tierknochen. Sand bedeckte die Gräber über Jahrhunderte, und ihr Erhaltungszustand ist wegen starker Erosion und des steigenden Grundwassers schlecht. Gerade deshalb ist die Untersuchung wichtig, denn sie erklärt das Leben der Menschen, die den Stein gewannen.
Wie besuchen Sie Gebel el-Silsila?
Die Stätte ist täglich von 7 bis 16 Uhr geöffnet (Stand: Oktober 2026). Der Ort liegt am Nil; Schiffsreisen auf dem Fluss stellt die Seite zur Nilkreuzfahrt vor. Als Ergänzung zur Welt der Steinbrecher lesen Sie die Seiten zu Qubbet el-Hawa bei Assuan und zu den Nubischen Tempeln am Nassersee.
Planen Sie festes Schuhwerk, Sonnenschutz und Wasser ein. Berühren Sie die Inschriften und Reliefs nicht, und bleiben Sie auf den Wegen: Die Felswände sind nach Jahrtausenden empfindlich, und die Werkzeugspuren der Steinbrecher sollen für die nächsten Besucher erhalten bleiben.
Häufige Fragen zu Gebel el-Silsila
Wo liegt Gebel el-Silsila?
Im Gouvernement Assuan in Oberägypten. Der Gebirgszug mit Sandsteinbrüchen reicht auf beiden Seiten an den Nil.
Wofür wurde der Sandstein verwendet?
Mehr als hundert Brüche lieferten vom Mittleren Reich bis ins 20. Jahrhundert die Sandsteinblöcke für viele berühmte Tempel Ägyptens.
Was ist der Speos des Horemheb?
Ein Felstempel aus der Zeit des Königs Horemheb (etwa 1323 bis 1295 v. Chr.) mit fünf Öffnungen und einem Heiligtum, in dem sieben Götterstatuen sitzen, darunter Sobek und die thebanische Triade.
Was sind die Nilstelen?
Stelen von Königen der 19. Dynastie, beginnend mit Sethos I., die Opfer für den Nilgott Hapi festhalten und um eine gute Flut bitten.
Wann hat Gebel el-Silsila geöffnet?
Täglich von 7 bis 16 Uhr (Stand: Oktober 2026).
Was wurde 2015 entdeckt?
Eine gemeinsame Grabung mit der Universität Lund legte 78 Gräber des Neuen Reiches frei, die auf eine Siedlung am Ort hinweisen.
